Der alte Ofen

Es ist der alltägliche Trott, der mich aus dem Bett holt. Ein Blick aus dem Küchenfenster zeigt mir, dass der Block noch schläft und so tapse ich zur Dusche. Ich packe meine Tasche und mache mich fertig, um zur Arbeit zu gehen. Der frühe Alltag hat mir nie ein Lächeln ins Gesicht gezaubert, doch während ich durch den Innenhof gehe, ist es ein „Guten Morgen“, das mich lächeln lässt. Es ist so freundlich und ehrlich und es erinnert mich an die erste Begegnung mit der Person, die mich des Morgens begrüßte.

Ich war noch nicht einmal eingezogen, hatte meiner besten Freundin aber versprochen, dass ich an dem Tag vor Ort sein würde, denn der Ofen müsste gemacht werden und sie konnte sich an dem Tag nicht freinehmen. Also wartete ich in meinem Zimmer oder eher im Zimmer meiner Vormieterin, welches mit ihren Umzugskartons zugestellt war. Als es klingelte und ich die Tür öffnete, stand dieser Mann vor mir: Ein freundliches Gesicht mit Falten, die ein häufiges Lächeln offenbarten. Er sei wegen der Öfen hier. Also rein mit ihm und dann ging er den Kampf mit der Ofenverkleidung an. Ein harter Kampf, zum Glück ohne Blessuren für den guten Mann, zumindest bekam ich es nicht mit. Ich machte ihm einen Kaffee und als ich ins Zimmer kam, kniete der Gute vor dem kalten Metallviech und kratzte den Staub der letzten Jahre aus allen Rillen und Löchern. Den Ofen meiner Freundin bekam er in wenigen Sekunden an, obwohl sie sich am Tag zuvor eine Viertelstunde damit abgeplagt hatte, ihn anzubekommen. Es gab mir ein gutes Gefühl und er fragte, seit wann ich hier wohnen würde. Als ich antwortete, dass ich erst zum Monatsbeginn einziehen würde, bot er mir seine Hand an, lächelte und sagte: „Ja dann: Herzlich willkommen!“ Und in dem Moment fühlte ich mich angekommen.

 

P.S.

Diese Geschichte ist dem Hausmeister in meinem Block gewidmet, der leider in Rente geht und nun sammeln wir für einen schönen Abschied, dies ist mein literarischer Beitrag dazu.

Dunkle Wolken (6)

Am nächsten Morgen wurde er von der scheußlich brummenden Klingel seiner Wohnung geweckt. Er stapfte verschlafen zur Gegensprechanlage und krächzte ein „Ja?“ in den Hörer. Die Antwort kam jedoch direkt von hinter der Tür. „Hallo Nachbar, hier roch es letzte Nacht so süßlich und ich habe mich gefragt, ob du mich hintergehst.“ Es war seine Nachbarin Sabine. Sie war gut zwanzig Jahre älter als er und lud ihn hin und wieder zu sich in die Wohnung ein. Sie redeten dann über Gott und die Welt und sie bot ihrem Gast dabei meist irgendwann einen Joint an, das gehört einfach dazu. „Einen Moment.“ Rief Sebastian durch die Tür und langte nach dem Bademantel, den er sich überzog, denn nackt wollte er die Tür nicht öffnen. „Ich habe dir was gegen die kalte Zugluft mitgebracht…oder gegen den Duft von drinnen.“, antwortete ihm Sabine. Als Sebastian die Tür öffnete wedelte seine Nachbarin mit einem Luftzugstopper grinsend vor seiner Nase, doch ihr Grinsen wich einer überraschten Miene: „Was ist denn mit deinem schönen Gesicht passiert? Und was mit deinen Armen? Und deinen Beinen?“ Die Ärmel des Bademantels gingen Sebastian bis knapp über die Ellbogen und seine Beine waren unterhalb der Knie vor Blicken ungeschützt. Eben jene Stellen, die vor zwei Tagen so heftig in Mitleidenschaft gezogen worden waren. Sie legte ihre Hand zärtlich auf sein Gesicht und streichelte sanft darüber. „Sag nichts. Komm doch einfach in ein paar Minuten zu mir rüber. Ich mache Tee, Ei und Speck und dann kannst du mir erzählen, was dir passiert ist. Wär das was?“, fragte sie und lächelte ihn freundlich an. Er druckste ein wenig, doch sie schickte sofort ein „Komm schon“ hinterher und er nickte zustimmend. „Ich dusche mich noch fix und zieh mir was an, dann komme ich rüber…“, antwortete er und nahm das Geschenk an, welches ihm Sabine entgegen streckte.