Vernunft

Es mag keine Zauberei sein, dass wir so eng beieinander stehen, aber es fühlt sich zauberhaft an, diesen Moment mit dir zu erleben, der so endlos zu sein scheint und doch viel zu schnell wieder vorbei. Es schreit nach einem Kuss zwischen dir und mir, aber dieser Schrei verhallt lautlos. Ich will dich doch nur ebenso gern küssen, wie du mich oder liege ich da falsch? Wir tun es doch allein deswegen nicht, weil die Vernunft zwischen uns steht. Aber was ist unvernünftiger, als unseren innigsten Gefühlen nicht nachzukommen?
Die Musik nehmen wir nicht wahr und all die anderen Menschen ebenso wenig. Du und ich, wir stehen einfach nur da und grinsen und lächeln uns an. Es ist ein kurzer Abschied, denn wir sehen uns schon bald wieder, dies ist und bleibt meine Hoffnung. Wir werden dann wohl wieder solch eine Verabschiedung erleben oder werden wir uns doch einmal küssen? Zum Abschied? Oder zur Begrüßung? Jemals? Werden wir uns jemals genießen? Werden wir jemals die Vernunft besiegen können?

Der perfekte Moment

Wir suchen ja immer wieder nach dem perfekten Moment. Den perfekten Moment, um etwas zu beichten zum Beispiel. Aber ich suche doch einen anderen perfekten Moment. Er ist ähnlich verrückt, wie die Suche nach dem perfekten Partner, aber dennoch realistisch. Und mal so gefragt: Eine perfekte Partnerschaft, was genau könnte das sein und wenn man es hat, müssen dann die Beiden ab dem Zeitpunkt unverändert bleiben?

Nein, mir genügt der perfekte Moment. Und damit verlange ich schon eine ganze Menge. Es gibt diesen perfekten Moment durchaus und immer mal wieder. Würde man mich nach dem einem perfekten Moment fragen, so wüsste ich ihn sofort. Das ist doch eigentlich unsinnig oder? Aber doch, ich könnte ihn benennen. Und sollte es nach dem Tod noch ein Leben geben, dann wünschte ich mir, dass es jenes Gefühl ist, was ich in jenem perfekten Moment empfand.

Womöglich sollte ich schauen, wann ich so empfand und wenn ich das tue, dann finde ich weitere perfekte Momente. Momente, in denen zwei Menschen absolut gleich empfanden. Zwei Menschen, die nur für diesen einen Moment zu einem wurden. Es geht mir nicht um Sex oder um einen Kuss, sondern um das gleiche Empfinden in zwei Personen. Natürlich kann es Sex sein oder ein Kuss, aber ebenso eine Berührung oder einfach nur das Gefühl, angekommen zu sein in einem anderen Menschen. Warum eigentlich „einfach nur“?

Vor einiger Zeit hatte ich einen solchen Moment. Zwei Menschen, die spürten, dass da mehr ist – dass da etwas ist. Und ich frage mich, wonach wir eigentlich suchten und ob wir damals das Schicksal herausforderten und ihm befahlen, noch einen weiteren Moment zu bekommen, bevor wir uns wagten. Denn das ist das Problem: Wenn wir ein Leben lang nach dem perfekten Moment suchen, dann leben wir ein Leben voller verpasster Chancen.

Gefallener Gott

Mir jagt es einen kalten Schauer über den Rücken. Die Hitze der Wüste ist in diesem Gang nicht zu spüren und auch die gleißende Sonne lässt sich nur erahnen, denn ein dünner Lichtstrahl weißt mir meinen Weg, den ich erhaben abschreite. Neben meinen Schritten höre ich nur meine Diener, die sich im angemessenen Abstand zu mir bewegen, denn ich allein gestatte ihnen, mir zu folgen. Der Lichtstrahl wird intensiver und ich bereite mich innerlich darauf vor, der erdrückenden Helligkeit ausgesetzt zu sein. Ich darf nicht blinzeln, ein Pharao, nein, ein Gott wird nicht blinzeln. Dann ist es so weit und wie eine Flutwelle trifft mich der Sonnenstrahl. Ich kämpfe gegen das Zucken meiner Augenlider an und kann sie nicht offen halten…

…ich blicke in besorgte Gesichter, die sich über mich gebeugt haben. Ein dumpfer Schmerz in meinem Gesicht lässt mich erinnern, wie ich an der Theke stand und mit dem schönen Mädchen flirtete. Dann rempelte mich jemand von hinten an. Ich drehte mich grimmig guckend um und mir gegenüber stand ein ebenso aggressiv blickender Kerl. Ich fragte ihn, ob er Stress will und bekam die Antwort in Form seiner Faust zu spüren.

Als ich mich aufrichte, schießt mir ein Schwall Blut aus der Nase und verteilt sich auf meinem Hemd. Meine Blase hatte ich in meiner Auszeit auch nicht mehr unter Kontrolle, das schöne Mädchen schaut angeekelt weg. Hätte ich nur nicht geblinzelt, so wäre ich noch ein Gott und würde niemals so tief fallen.