Der Tag der Arbeit im Bett

Ich begriff heute morgen gar nicht so recht, welches Geräusch das war. Mein Handy weckte mich, aber ich verknüpfte das Piepen mit meinem Traum. Das passiert mir sonst nicht. Sonst weiß mein Körper, dass er aufstehen muss, denn die Arbeit wartet. Heute nicht, so wie jedes Jahr. Und seit vier Jahren erinnert mich WordPress daran, dass es mein Jahrestag ist. Also die Erinnerung gibt es erst seit drei Jahren, denn im Jahr davor meldete ich mich an.

In den vier Jahren ist so einiges passiert. Meinen ersten Blog auf einer anderen Plattform gibt es nicht mehr, er wurde mittlerweile vollkommen gelöscht. Bye bye.

Ich bin aus meiner Wohnung in eine WG gezogen und habe dabei so einige Menschen kennengelernt, ebenso zwei kleine Mädchen begleitet und seit neuestem habe ich wieder meine eigenen vier Wände. Hie und da fehlen noch ein paar Dinge, aber ich fühle mich bereits angekommen.

Bei euch Lesern hat sich etwas getan, manche neue Interessierte kamen hinzu, andere gingen still und leise. Ich danke euch allen, dass ihr hin und wieder vorbeischaut und lest, welche Geschichten ich mir ausdenke und hier veröffentliche. Vielen Dank.

All jene, die heute einer Arbeit nachgehen, wünsche ich einen entspannten Arbeitstag. Jenen, die wie ich entspannt liegenbleiben können, lege ich ans Herz, sich einen Moment für sich selbst zu nehmen und in sich zu gehen. Denn mir wurde gerade bewusst, dass es mir gut geht. Das ist doch eine wichtige Erkenntnis.

Die liebe Zeit

Hier liegen wir also, wer hätte das gedacht? Wir waren nicht aufgeregt wie zwei Teenies und dennoch genossen wir, was wir spüren und fühlen durften. Solch eine Nacht kann bei den letzten Sonnenstrahlen beginnen und es scheint lediglich eine Viertelstunde zu vergehen, bis die Sonne sich schon wieder zeigt. Nun stöhnen wieder einige Menschen auf. Kein lustvolles Stöhnen, sondern ein genervtes eher. Denn natürlich wünscht man sich lieber den heißen Ritt oder simpel gesprochen, den schnellen aber guten Fick.

Es erinnert mich an ein Essen in einem Restaurant. Ich war mit einer Freundin dort und sie griff hastig nach der Karte mit den Worten „Ich habe Hunger“. Schon bemerkenswert, dass man heute kaum noch Appetit hat. Man könnte sein Gericht sorgsam wählen und es genießen, womöglich ein paar Happen nicht schaffen, weil man zu lange jede Geschmacksnote auskostete. Aber man hatte ja Hunger.

Wie könnte man die Gesellschaft nur entschleunigen? Ich weiß es einfach nicht. Neulich saß ich im Museum und eine Gruppe Jugendlicher wurde von ihrem Lehrer mit einem multimedialen „Erguss“ durch die Räume geführt. Nicht lang hielt sich jene Gruppe vor einem Gemälde auf, sondern wurde von Bildern, Videos und gesprochenen Informationen auf Trapp gehalten. Vermutlich muss das Museum jenen Weg gehen, damit sie gegen die neuen Medien überhaupt eine Chance hat, doch wer setzt sich schon für eine Stunde vor ein Gemälde und folgt den Strichen des Meisters? Ich bin froh, dass es Museen noch gibt, aber wenn die Zukunft nur noch in der schnelllebigen Unterhaltung liegt, dann wäre es wohl besser, man schlösse die Tore jener ruhevollen Gebäude.

Es bleibt also allein meine Sache, wie ich mit meiner Zeit verfahre. Wenn ich hier so liege und die Stunden nur so verfliegen, während ich die naturgegebenen Linien deines Körpers abfahre, dann weiß ich, dass du es ebenso genießen kannst. Es spricht auch gar nichts dagegen, einmal Hunger zu haben und diesen schnell zu stillen, das wissen wir Beide zu schätzen und tun es auch immer wieder. Doch wahrhaft unvergesslich sind dann doch wieder diese Nächte, bei denen wir uns fragen, wie die Welt sich in dieser Nacht nur so viel schneller drehen konnte.

Wahrsagung

Die dunkle Flasche war leer. Mir war das mittlerweile vollkommen egal. Als ich sie vorhin geöffnet hatte und jedem einen Schluck zum Kosten eingegossen hatte, war ich schockiert, als sich Jan sofort Cola dazu mischte. Die meisten nippten einen ersten Schluck und ich spürte, wie sich der Alkohol fast sofort in heiße Luft auflöste, die ein etwas hölzernes und süßliches Aroma aufwies. Nach keiner allzu langen Zeit hatten wir alle den teuren Rum mit Cola verdünnt und jetzt schmeckte er auch leicht nach Vanille. Für die nächste Feier beschloss ich, einfach wieder den drei Jahre alten Rum zu kaufen und dazu noch ein paar Flaschen der Vanille-Cola, das erschien mir günstiger und sinnvoller. Von uns würde eh kaum jemand den Unterschied bemerken. Als diese dünn-bauchige Flasche so leer neben uns stand, war der Zeitpunkt gekommen, durch die Stadt zu ziehen. Irgendwer schlug vor, in einen Stripclub zu gehen. Bis jetzt war ich nie in solch einem Laden gewesen. Einmal standen wir zu fünft davor, aber die Damen auf den Bildern davor wirkten selbst in meiner damaligen Volltrunkenheit nicht erotisch. Vermutlich lag das einfach an meiner Art, dass ich eine Frau anfassen und riechen, den Moment der Nacktheit mit ihr allein genießen wollte. Vielleicht lag es aber auch daran, dass ich damals gerade erst knapp über Zwanzig war und die Frauen auf den Bildern wohl schon weit über Fünfzig, zumindest kam es mir damals so vor.

Wir liefen also durch die Stadt in jenen Bezirk, der mit alten und kaputten Neonreklamen für leichte Freuden warb und je länger wir dort rumirrten, desto merkwürdiger erschien mir die Idee, jene Frauen erotischer zu finden, als ich es damals tat. Womöglich waren sie nun gerade erst knapp Zwanzig und vermutlich würde gerade das mich noch viel mehr stören. Ich weiß nicht, wie viel Alkohol ich im Blut haben musste, bis ich mich nicht mehr fragen würde, welche von jenen hübschen, jungen Frauen hier nicht zwangsweise lächeln und tanzen muss. Ich habe in den verschiedensten Jobs gearbeitet und hasste es, wenn ich Kunden freundlich bedienen musste, obwohl sie mir zutiefst unsympathisch waren. Diese Frauen mussten sich begaffen lassen und gleichzeitig noch vorspielen, dass es ihnen gefiele. Na klar, welcher jungen Schönheit gefällt es nicht, wenn sturzbesoffene, alte Säcke sie angrölten, das klingt nach einem Kindheitstraum.

Plötzlich blieb ich stehen. Die Gruppe bemerkte es gar nicht, aber mich hatte eine dunkelhaarige Frau in ihren Bann gezogen. Sie würde sich nicht ausziehen oder vor mir tanzen. Sie würde meine Hand nehmen, sanft über sie streicheln und mir erzählen, dass sich mein Leben ändern wird oder vielleicht auch nicht. Ich halte die Wahrsagerei für vollkommenen Unsinn, aber diese Frau lächelte mich mit einer Freundlichkeit und Liebe an, dass ich beschloss, zu ihr in die mickrige Kammer zu gehen. Zehn Euro verlangte sie von mir und vermutlich bezahlte gerade jeder meiner Freunde einen ähnlichen Betrag an einer der Nachbartüren, um dort auf nackte Brüste und schwingende Hüften zu starren. Ob sie mich vermissen würden, fragte ich mich gar nicht, denn ich war noch immer im Bann jener Frau. Sie war nur wenig älter als ich, aber sie strahlte die Liebe aus, die ich noch von meiner Mutter her kannte, wenn ich vom Spielen kam und mir die Tränen über die Wange liefen, weil ich mir das Knie aufgeschlagen hatte oder mir die Haut am Zaun aufgerissen hatte.

Consuela, so stellte sich die Wahrsagerin vor, nahm meine Hand in ihre und sprach flüsternd ein paar unverständliche Formeln. Mich überkam ein wohliger Schauer und ich gab mich ganz dem Gefühl des Streichelns und des Flüsterns hin. Es war wie der erste zarte Kuss zwischen zwei jungen Liebenden und ich wollte gar nicht wissen, was sie mir vorhersagte, ich wollte einfach nur diesen Moment genießen und ihn für immer spüren. Ich wünschte mir, dass dieses Gefühl meine Zukunft sei.

Kurze Minuten…

Eine riesige Gleisunterführung, die vollkommen ruhig ist. Keine Menschenseele, nur das Hallen der Schritte eines Pärchens. Er witzelt darüber, dass man bei so wenig Personenverkehr in dieser großen Halle miteinander intimer werden könnte. Beide schauen sich um und lassen den Gedanken für eine Sekunde zu, bevor sie wissen, dass es so nicht passieren soll, trotz aller Lust.
Sein Zug wird erst in zwanzig Minuten eintreffen und von ihr fortreißen. Es sind kurze zwanzig Minuten, die mit ein paar witzigen Sprüchen gefüllt werden, die das Unbehagen über den nahenden Abschied überdecken. Als die Zugansage ertönt, scheinen gerade mal vier bis fünf Minuten vergangen, doch tatsächlich waren es kurze zwanzig Minuten. Ein letzter Kuss… ein letzter Blick… er streift sich die Halskette ab und versucht sie ihr vorsichtig über den Kopf zu ziehen, doch schafft er es nicht ohne ihre Hilfe. Der Zug steht bereits neben ihnen und die Menschen steigen aus. Nur noch ein letzter Kuss zum Abschied. Die Minuten, die ihm Stunden zuvor endlos lang erschienen, zerschmolzen zu Sekunden.