Kontaktlos

Mir lief das Wasser im Mund zusammen, als ich auf das käseüberbackene Brötchen sah, welches die junge Frau hinter der Theke auf meinen Wunsch hin in die Tüte packte. Ein Brot und jenes Brötchen für den Start in den Tag. Ich folgte der Frau zur Kasse und hörte zugleich, wie ein anderer Kunde zur Kollegin der jungen Frau „Kontaktlos“ sagte. Er sagte es einfach so und ich fragte mich, ob die Dame die Brötchen nicht anfassen sollte. Sie schien sich die gleiche Frage zu stellen, denn sie sah ihn entgeistert an. Dann zeigte der Mann auf seine Uhr und wiederholte: „Kontaktlos.“ Er ergänzte: „Das hat letzte Woche auch schon geklappt.“ Ich ließ mir Zeit beim Bezahlen und zählte mein Wechselgeld so ab, dass ich genau 15 Euro zurückbekommen würde. Der technikaffine Kunde neben mir pochte darauf, dass es klappen müsste, indem er wiederholte: „Letzte Woche hat es aber geklappt.“ Die Verkäuferin jedoch bat ihn um Verständnis, sie wüsste nicht, wie das gehen würde, obgleich sie ordentlich auf der Kasse rumhämmerte. Ich bekam mein Rückgeld und verschwand aus dieser morgendlichen Szene beim Bäcker. Als ich Richtung Arbeit radelte, fragte ich mich, ob wir alle die Fähigkeit zu reden verlieren werden, wenn wir diese Uhren und die nächsten Gimmicks tragen, denn das wird wohl kommen.

Einmal Wort- und Kontaktlos bitte.

Die Wette

Es kommt mir manchmal so vor, als betrachten wir unser Leben wie eine Wette darauf, wer am längsten durchhält. Die Freiheit, die wir durch spontan ausgeführte Wünsche erlangen könnten, schränken wir ein, weil wir doch an Morgen und an Übermorgen und an alle Morgen danach denken müssen. Welch verrückte Idiotie, wo es doch kein anderes Leben als das im Jetzt gibt. Das vergangene Leben ist nur eine Erinnerung und oftmals nur eine Fantasie. Die Zukunft, die ist noch gar nichts. Also ab jetzt!

Zeiterleben

Wann dauert eine Bahnfahrt eigentlich länger, wenn man mit oder wenn man gegen die Fahrtrichtung fährt? Einigen Leuten wird ja übel, wenn ihr Rücken nach vorn blickt, aber ich habe das Talent, immer wieder auf diese Weise meine Reisen zu verbringen.

Sollte man nun gebannt auf die Zukunft schauen oder das Geschehene von hinten betrachten? Klingt schon fast nach einer Lebensphilosophie und womöglich erwartet das so manch einer von mir, aber das überlasse ich dieses Mal euch selbst, denn ehrlich gesagt, wollte ich euch nur mitteilen, dass meine Reisen mit dem Blick nach hinten schneller verlaufen…. 😉

Die friedliche Wiese

Es sind wirre Bilder, die mich überkommen, während ich auf dieser Wiese sitze. Nur zu oft frage ich mich, woher solche verquerten Gedanken kommen mögen, aber sie sind ganz plötzlich da. Hier herrscht außer dem Rauschen der Blätter kein Geräusch. Und dennoch frage ich mich, ob diese friedlichen Grashalme oder ihre Vorfahren den Geschmack von Blut und Rost kosten mussten. Ob sie das Geschrei einer Armee ertragen mussten oder das Klagen der Hinterbliebenen. Oder vielleicht verirrte sich einmal eine fehlgelenkte Bombe hier her, wer weiß das schon. Schon merkwürdig, dass mir solche Bilder in den Kopf schießen und ich frage mich, ob es mal eine Generation geben wird, der solche Gedanken vollkommen unbekannt sind.

Wahrsagung

Die dunkle Flasche war leer. Mir war das mittlerweile vollkommen egal. Als ich sie vorhin geöffnet hatte und jedem einen Schluck zum Kosten eingegossen hatte, war ich schockiert, als sich Jan sofort Cola dazu mischte. Die meisten nippten einen ersten Schluck und ich spürte, wie sich der Alkohol fast sofort in heiße Luft auflöste, die ein etwas hölzernes und süßliches Aroma aufwies. Nach keiner allzu langen Zeit hatten wir alle den teuren Rum mit Cola verdünnt und jetzt schmeckte er auch leicht nach Vanille. Für die nächste Feier beschloss ich, einfach wieder den drei Jahre alten Rum zu kaufen und dazu noch ein paar Flaschen der Vanille-Cola, das erschien mir günstiger und sinnvoller. Von uns würde eh kaum jemand den Unterschied bemerken. Als diese dünn-bauchige Flasche so leer neben uns stand, war der Zeitpunkt gekommen, durch die Stadt zu ziehen. Irgendwer schlug vor, in einen Stripclub zu gehen. Bis jetzt war ich nie in solch einem Laden gewesen. Einmal standen wir zu fünft davor, aber die Damen auf den Bildern davor wirkten selbst in meiner damaligen Volltrunkenheit nicht erotisch. Vermutlich lag das einfach an meiner Art, dass ich eine Frau anfassen und riechen, den Moment der Nacktheit mit ihr allein genießen wollte. Vielleicht lag es aber auch daran, dass ich damals gerade erst knapp über Zwanzig war und die Frauen auf den Bildern wohl schon weit über Fünfzig, zumindest kam es mir damals so vor.

Wir liefen also durch die Stadt in jenen Bezirk, der mit alten und kaputten Neonreklamen für leichte Freuden warb und je länger wir dort rumirrten, desto merkwürdiger erschien mir die Idee, jene Frauen erotischer zu finden, als ich es damals tat. Womöglich waren sie nun gerade erst knapp Zwanzig und vermutlich würde gerade das mich noch viel mehr stören. Ich weiß nicht, wie viel Alkohol ich im Blut haben musste, bis ich mich nicht mehr fragen würde, welche von jenen hübschen, jungen Frauen hier nicht zwangsweise lächeln und tanzen muss. Ich habe in den verschiedensten Jobs gearbeitet und hasste es, wenn ich Kunden freundlich bedienen musste, obwohl sie mir zutiefst unsympathisch waren. Diese Frauen mussten sich begaffen lassen und gleichzeitig noch vorspielen, dass es ihnen gefiele. Na klar, welcher jungen Schönheit gefällt es nicht, wenn sturzbesoffene, alte Säcke sie angrölten, das klingt nach einem Kindheitstraum.

Plötzlich blieb ich stehen. Die Gruppe bemerkte es gar nicht, aber mich hatte eine dunkelhaarige Frau in ihren Bann gezogen. Sie würde sich nicht ausziehen oder vor mir tanzen. Sie würde meine Hand nehmen, sanft über sie streicheln und mir erzählen, dass sich mein Leben ändern wird oder vielleicht auch nicht. Ich halte die Wahrsagerei für vollkommenen Unsinn, aber diese Frau lächelte mich mit einer Freundlichkeit und Liebe an, dass ich beschloss, zu ihr in die mickrige Kammer zu gehen. Zehn Euro verlangte sie von mir und vermutlich bezahlte gerade jeder meiner Freunde einen ähnlichen Betrag an einer der Nachbartüren, um dort auf nackte Brüste und schwingende Hüften zu starren. Ob sie mich vermissen würden, fragte ich mich gar nicht, denn ich war noch immer im Bann jener Frau. Sie war nur wenig älter als ich, aber sie strahlte die Liebe aus, die ich noch von meiner Mutter her kannte, wenn ich vom Spielen kam und mir die Tränen über die Wange liefen, weil ich mir das Knie aufgeschlagen hatte oder mir die Haut am Zaun aufgerissen hatte.

Consuela, so stellte sich die Wahrsagerin vor, nahm meine Hand in ihre und sprach flüsternd ein paar unverständliche Formeln. Mich überkam ein wohliger Schauer und ich gab mich ganz dem Gefühl des Streichelns und des Flüsterns hin. Es war wie der erste zarte Kuss zwischen zwei jungen Liebenden und ich wollte gar nicht wissen, was sie mir vorhersagte, ich wollte einfach nur diesen Moment genießen und ihn für immer spüren. Ich wünschte mir, dass dieses Gefühl meine Zukunft sei.