Kugelrund und bunt

Ich war wirklich überfressen. Seit meiner Kindheit galt, dass gegessen wird, was auf den Tisch kommt, wobei die Regel zumindest die Ausnahme enthielt, dass es einem auch schmecken musste. Mir hatte es geschmeckt. Und doch schien es mir, als würde mein Bauch bald explodieren. Das ist die unangenehme Seite des übertriebenen Schlemmens bzw. der frühkindlichen Erziehung. Hin und wieder ist es auch okay, wenn man Teile des Essens einfach in den Kühlschrank packt und am nächsten Tag erst aufisst. Also es könnte in Ordnung sein, wenn ich das jemals tun würde, doch es ist ein Zwang in mir, dass der Teller leer sein muss. Und mit leer meine ich blitzeblank. Da wird die letzte Pommes in der Art über die Reste von Ketchup und Majo gezogen, dass deren Spuren verschwinden. Ein kleines Meisterwerk oder ne Macke eben, aber ein Meisterwerk klingt schöner.

Wir hatten zu zweit diniert und im Gegensatz zu mir, schienst du noch Platz im Bauch gelassen zu haben. Die Tüte Gummibärchen lockte dich, ich erklärte, dass ich mich hinlegen müsste, sonst würde ich platzen. Und wie ich dort lag und die Hose öffnete, halfst du mir aus meinen Klamotten und verteiltest die Süßigkeiten auf meinem Körper. So sollte ich vernascht werden.

Abtauchen

Ruhig deutest du auf den Seeigel unter uns. Bisher kannte ich diese Tierchen nur in ausgehärteter Form und ohne Stacheln. Sie sind so vollkommen anders. Diese hier bewegen sich heftig, was man sich gar nicht vorstellen kann, wenn man eben nur diese Kalkschale kennt, die von ihnen übrig bleibt. Diese hier haben eher etwas von einer Blüte, die sich aufbläht und wieder zusammenzieht. Wir ziehen weiter und erfreuen uns an all den Schätzen, die der Meeresboden für uns bereithält. All diese Wesen mag es wohl auch im Zoo zu bestaunen geben, aber niemals präsentieren sie sich dort auf diese Weise. Ja, dort werden sie präsentiert und stehen doch still und man selbst schaut von einem entfernten Platz aus. Nicht so wie hier, wo man ein Teil von ihnen ist. Das Leben auf dieser Welt ist das größte Geschenk, was man uns machen konnte, das versteht man hier unten im Wasser sofort. Hier, wo kein Wort gesprochen wird und nur die innere Stimme zu einem spricht. Hier findet man eine ganz eigene Form von Ruhe, die dort oben kaum noch jemand auszuhalten vermag. Ständig muss etwas gesagt und erzählt werden. Aber noch ist es nicht so weit, dass man zwei Menschen für verrückt hält, die sich schweigend, aber lächelnd in die Augen schauen und den Zauber des Verliebtseins genießen. So wie du und ich, als wir wieder an Land gehen. Die Sauerstoffflaschen wirken plötzlich endlos schwer, als wir aus dem Wasser kommen und so liegen sie schon nach wenigen Metern auf dem hellen Sand. Mein Neoprenanzug zieht ebenso an mir und so befreie ich mich auch von ihm, wenn auch nicht so geschickt, wie du. Aber das war ja bisher auch mein erster richtiger Ausflug in die Unterwasserwelt. Der Strand gehört uns allein und so wird sich niemand daran stören, dass wir nackt sind. Dieses Erlebnis braucht keine Krönung, aber mir ist danach, dich zu küssen und wir wissen, dass es nicht bei diesem Kuss bleiben wird.

Mit Haut und Haar

Wie üblich besuchte ich sie. Ophélie stand bereits in der Tür und beobachtete, wie ich die Stufen hinauf schlappte. Sie grinste mich an und ich grinste zurück. Meine Chucks zog ich noch im Hausflur aus und warf sie auf den bunten Haufen von Schuhen, die vermutlich eh nicht alle in den fast leeren Ständer passen würden. Sie schaute mir dabei immer belustigt zu, besonders wenn sich die Schnürsenkel mal wieder verknotet hatten und ich dann auf einem Fuß tippelnd versuchte, das Gewirr zu entflechten, bis ich mich dann doch auf die Stufen der Treppe zum nächsten Stockwerk setzte und es in Ruhe tat. Immer wieder ging ich diesen Kampf ein und hatte doch das Nachsehen, aber nicht an diesem Tag, da öffneten sie sich fast wie von allein. Sie musste noch ein wenig in der Küche aufräumen. Ich folgte ihr und blieb vor dem großen Spiegel stehen. Es war so ein großer und breiter Wohnungsflur, doch außer dem Spiegel war hier nichts und dennoch wirkte es nicht kalt oder künstlich, sondern einfach wohlig. Ich kam zu ihr in die Küche, nachdem ich mir im Spiegel zugezwinkert hatte. Ihre Mitbewohner waren alle für einige Tage ausgeflogen und sie hatte sich allein gefühlt, denn sie war die Einsamkeit nicht gewohnt. Was ich genießen konnte, schien ihr ein Fluch zu sein und doch muss auch ich gestehen, dass es mir gefiel, wenn ich in die WG kam und alle vor Ort waren und mich mit herzlichen Worten empfingen. Als ich in der Küche ankam, stand sie mit dem Rücken zu mir vor der Anrichte und ich umfasste sie und küsste sie auf den Kopf. Ich kann nicht sagen, dass Ophélie einen auffälligen Geruch besaß, aber ich roch sie gern, vermutlich gerade deswegen. Sie trug kein Makeup und die Bräune ihrer Haut war mehr ihrer Herkunft geschuldet und dem Umstand, dass sie sehr schnell braun wurde. Wenn ich über ihre Haut streichelte, war ich fasziniert von dieser Weichheit und der schönen Färbung. Umarmte ich sie, war mein Kopf leer, aber auf die angenehmste Art und Weise. Alles fühlte sich warm und weich und wohlig an und all die unerledigten Aufgaben und Termine waren weggewischt. Dann drehte sie sich um, blickte mich mit ihren dunkelbraunen Mandelaugen an und wir küssten uns. „Komm mit, ich will dir was zeigen!“, sagte sie, nahm meine Hand und führte mich in ihr Zimmer.